Neuraltherapie - Procain
Die Neuraltherapie ist ein Diagnose- und Therapieverfahren, das durch Injektionen eines Lokalanästhetikums über das vegetative Nervensystem Störungen oder Erkrankungen beseitigt oder deren Heilungsprozess positiv beeinflusst.
Die Entstehung der Neuraltherapie beruht eher auf medizinische Kunstfehler, als auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vorausgegangen waren die Entdeckung von Procain als Lokalanästhetikum mit einer lokalen schmerz- und entzündungshemmenden Wirkung und die Entdeckung der Headschen Zonen, die die Beziehungen von bestimmten Hautarealen mit inneren Organen beschreiben. Der deutsche Arzt Ferdinand Huneke (1891-1966) wollte ursprünglich einen Migräneanfall seiner Schwester behandeln und injizierte ihr das örtliche Betäubungsmittel Procain.
Statt intramuskulär, also in den Muskel, spritzte er es ihr versehentlich in eine Vene. Der eigentliche Kunstfehler entpuppte sich allerdings als erfolgreiche Behandlung. Zusammen mit seinem Bruder Walter Huneke, der ebenfalls Arzt war, versuchte er diese Behandlung methodisch zu erforschen. Ein weiterer Kunstfehler brachte den Durchbruch. Diesmal verfehlte Huneke die Vene einer Migränepatientin und injizierte das Procain in das Bindegewebe und hatte wieder Erfolg, die Migräne verschwand. Die Ergebnisse beschrieben Ferdinand und Walter Huneke 1928 in einer Veröffentlichung.
Darin stellten sie fest, dass die Wirkung von Procain nicht nur pharmakologischen Ursprungs ist, sondern dass es außerdem eine Wirkung auf das Nervengeflecht in der Umgebung eines Blutgefäßes hat. Sie nannten diesen Effekt “Umstimmung der vegetativen Reaktionslage”. Später wurde der Begriff “Segmenttherapie” geprägt.
In der weiteren Erforschung der Schmerztherapie mit Procain entdeckte Ferdinand Huneke wiederum durch Zufall die zweite Säule der Neuraltherapie. Eine Procain-Injektion in eine alte Beinwunde einer Patientin führte sekundenschnell zur Schmerzlinderung einer zuvor erfolglos behandelten Schulterentzündung. Huneke folgerte aus seinem Therapieerfolg, dass sogenannte “Störfelder” Auswirkungen auf andere Körperteile haben können.
Die Anwendungsgebiete der Neuraltherapie liegen heute größtenteils in der Schmerzbehandlung (Migräne, Neuralgien und rheumatische Beschwerden). Aber auch bei Entzündungen, chronischen, funktionellen und hormonell bedingten Störungen wird sie angewendet. Bei einigen Erkrankungen wird die Neuraltherapie zudem nicht zur Behandlung, sondern zur Linderung der Symptome angewendet (z.B. bei Krebsleiden oder Arthrosen).